Tamara Lunger

Das neue Gleichgewicht jenseits der Gipfel

Nach langen Reisen, unzähligen Klettertouren, riesigen Erfolgen und dramatischen Momenten, ist für die Südtiroler Kletterin Tamara Lunger nun ein besonderer Moment gekommen. Mit 37 Jahren und nachdem sie die Tragödie am K2 im Winter 2021 überlebt hat, baut sie sich Schritt für Schritt wieder auf, findet wieder zu sich und erholt sich in den heimischen Bergen. Heute öffnet sie sich nach einer langen Stille wieder und drückt sich in ihrer neuen Rolle als Motivationstrainerin aus. „Ich war immer eine Befürworterin der großen Werte, des einfachen Lebens von früher, das ich von meinen Großeltern durch ihre Geschichten vermittelt bekommen habe: Ich weiß, was sie hier aufgebaut haben, wie sie aufgewachsen sind, wie sie gekämpft und gearbeitet haben und ich bin sehr stolz auf meine Wurzeln. Manchmal wäre ich gerne vor hundert Jahren auf die Welt gekommen, als die Menschen eine Kraft der Natur waren, angetrieben vom Bewusstsein, dass man hart arbeiten muss, um etwas zu erreichen. Die wahren Werte finden wir heute in den Geschichten der Älteren, in den Dörfern: gegenseitige Hilfe, Solidarität, das Leben auf dem Feld, gemeinsam singen, aufeinander zählen. Jetzt ist alles anders.“

Welche Beziehung haben Sie zur Moderne, zu den sozialen Medien?
„Früher hasste ich sie. Jetzt scheint es so, als wäre ich sehr präsent, aber ich benutze sie nur für die Arbeit: Ich habe verstanden, dass man hier wichtige Dinge vermitteln kann. Aber zu viel Zeit damit zu verbringen schadet. Nachdem man mehrere Monate in Basislagern verbracht hat, wo man auch mit nichts überleben kann, findet man Technologie überflüssig. Man kommt nach Hause und fragt sich: Was soll ich denn mit diesen „Maschinen“? Ich schätze es, die Möglichkeit zu haben, mit Personen auf der anderen Seite der Welt in Kontakt bleiben zu können, aber wenn ich jedes Jahr zu Weihnachten auf all die Nachrichten antworten müsste, die ich bekommen, hätte ich keine Zeit mehr für die Menschen, die ich liebe. Es wird zum Stress.“

Als Frau, die in der Öffentlichkeit steht, wie erleben Sie die Kommentare der Follower?
„Ich kann nicht allen gefallen, also habe ich entschieden, mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin, mit all meinen Schwächen und Makeln. Ich bin ein normaler Mensch, wie alle anderen auch, mit meinen Problemen und Ängsten. Das hat mir dabei geholfen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, und mit den Kommentaren gut zurechtzukommen. Ich habe nicht viele Hater, vielleicht, weil ich zeige, dass ich Schwächen habe: Wenn jemand sich besonders schön und stark findet, bietet er Angriffsfläche. Ich hingegen sage zu den Leuten: Ich bin genau wie du, auch ich muss für alles kämpfen, was mir wichtig ist, ich hatte den Mut, meine Träume zu verwirklichen und du kannst das auch.“

Auf Wikipedia steht „Skibergsteigerin“. Wie stellen Sie sich vor?
„Normalerweise will ich nie preisgeben, wer ich bin, denn wenn die Menschen mich erkennen, tendieren sie dazu, mich auf ein Podest zu stellen. „Du bist wirklich die Tamara? Ich kann es nicht glauben!“ Und ich mag das nicht, weil es beiden Seiten die Möglichkeit nimmt, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Einst wollten die heroischen Bergsteiger vielleicht auf dem Olymp stehen, aber mir gefällt das nicht. Also stelle ich mich als Träumerin, die das Leben genießt, vor.“

Wie hat Ihre Kletterleidenschaft begonnen?
„Mein Vater war Skibergsteiger und wir haben ihn immer zu den Wettkämpfen begleitet, jedes Wochenende an einen anderen Ort. Die Sportwelt gefiel mir: Alle hatte mit Sponsoren zugekleisterte Autos und ich sagte mir, dass auch ich eines Tages ganz viele haben würde. Ich wollte unbedingt eine Sportlerin sein, aber ich wusste nicht, in welchem Sport. Also habe ich die Oberschule in Sterzing besucht, das Realgymnasium mit Sportschwerpunkt, dann das Sportinstitut in Innsbruck. In der Zwischenzeit machte ich Orientierungslauf, Leichtathletik, Skitouren: Dort habe ich mich in die Berge verliebt und verstanden, dass die Gipfel für immer meine große Leidenschaft sein würden.“

Welche sind heute Ihre Lieblingsplätze?
„Die Geheimen kann ich nicht nennen... Aber es gab besondere Momente am Nanga Parbat - Lager 3, im Winter, in denen ich mich so erfüllt fühlte, dass ich dachte: Jetzt kann ich auch sterben, besser als so kann es gar nicht werden. Ich fühlte mich angekommen, glücklich darüber, aus eigener Kraft hier angekommen zu sein wie wenige Personen in der Geschichte, vielleicht fünf oder sechs, und ich war eine davon. Ich war so glücklich über den Weg, den ich eingeschlagen hatte, über die Anstrengung, die ich überwunden hatte und das Glück, das ich gehabt hatte. Auch auf dem K2.“

Trotz des Unglücks?
„Auch wenn er mir viel genommen hat, ist er mein Herzensberg. Zuerst erschien er mir zu groß für mich, so stark, steil und majestätisch: Er erforderte viel Technik und ich fragte mich, ob ich je in der Lage sein würde, ihn zu erklimmen. Dann war es wie Verliebtheit: Ich hatte Schmetterlinge im Bauch, ich zählte die Nächte, die bis zum Gipfelversuch fehlten. Ich hatte immer eine starke Verbindung zum Berg. In der Gruppe ist es viel einfacher, sich überzeugen zu lassen, anstatt auf sich zu hören und zu sagen: „Nein, ich verzichte, für mich endet es hier, ich versuche es das nächste Mal“. Es war schwierig, aber ich denke, dass es mir das Leben gerettet hat.“

Wie haben Sie diesen schweren Moment überwunden?
„Die erste Zeit war besonders schmerzhaft. Ich musste etwas unternehmen, um herauszukommen, aber ich war ziellos, hatte keinen Grund, am Morgen aufzustehen. Diese drei schwierigen Jahre haben verändert, wie ich die Berge wahrnehme und die Art, wie ich bin. Um aus diesem Loch herauszukommen, musste ich mich neu aufbauen, herausfinden, wer ich bin. Ich habe verstanden, dass ich in mir immer nur den athletischen Wert gesehen habe und nicht den menschlichen, und dass ich komplett neu anfangen musste, als Mensch. Ich bin noch immer hier, zu Hause, fern vom Berg, und versuche mich wiederzufinden.

Welche Rolle spielt Südtirol im Heilungsprozess?
„Mein Land wurde viel wichtiger: In Südtirol ist mein Herz, meine Werte. Bereits 2010, im Basislager des Mount Everest, war ich enttäuscht: Es gab Streitigkeiten, Schlägereien, es gib nicht diesen Teamgeist, den wir hier vermittelt bekommen oder die moralische Pflicht, den Berg sauber zu halten. Hier sind die Berge weniger hoch, aber es sind die schönsten Berge der Welt und ich bin stolz darauf, Südtirolerin zu sein, hier aufgewachsen zu sein und darauf, wie wir leben... Auch wenn wir vielleicht zu viele Regeln haben: Die mag ich überhaupt nicht.“

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
„Ich koche gerne, meditiere, und besuche Kurse für die persönliche Entwicklung: Ich habe auch damit angefangen, Motivationskurse und -seminare in Betrieben zu halten. Das bereitet mir riesige Freude und ich möchte Kurse zur Intuition und zur Verbindung mit der Natur halten, meine Themen, in Verbindung mit dem Berg“.

Was empfehlen Sie denjenigen, die gerne Bergsteiger sein möchten?
„Die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner war mein Vorbild: Sie bestieg die 8.000er mit 23 Jahren, etwas, was ich mir wie verrückt wünschte. Sie sagte mir, dass das erste, was man zum Klettern machen muss, ist, es mehr als alles andere zu wollen. „Wenn du es wirklich willst, wirst du es schaffen.“ Seit ich 14 oder 15 Jahre alt war, träumte ich von den 8.000ern und jeden Abend, im Bett, stellte ich mir vor, wie ich in einem Basislager sitzen würde, mit dem leichten Wind in den Haaren und den Grashalmen, und ich betrachtete die Berge und war die glücklichste Person auf Erden. Mit 23 war ich dort. Ich habe alles getan, was ich konnte: ich habe den Körper, den Kopf und die Technik trainiert und in jeder Situation mein Bestes gegeben. Ich habe verstanden, dass man in Einklang mit der eigenen Intuition sein und den Mut haben muss, auf sie zu hören. Das Unglück war der Warnschuss, den ich brauchte, um zu reagieren. Ich war gezwungen, die Augen zu öffnen und jetzt lebe ich in einer anderen Welt, einer ausgeglicheneren Welt, in der ich mich akzeptiere und liebe: Körper, Geist und Seele. Und das ist meine große Bereicherung.“

Copyright Bilder: Archive_TamaraLunger, Alice Russolo