Durch Stollen und über Steige

Zu Fuß Zeugnisse des 1. Weltkrieges erleben

Viele Menschen berichten, dass sie in der rauen und einfachen Natur der Dolomiten eine Ruhe und einen Frieden finden, wie an keinem anderen Ort. Die stille Größe der Felsen, die die Zeit überdauern, die Schroffheit und Zartheit des Wildwuchses und das Farbenspiel des weiten blauen Himmels mit dem Gestein der „bleichen Berge“ berühren die Seele.

Umso unvorstellbarer erscheint es daher, dass in den Dolomiten im Zuge des ersten Weltkrieges ein Kampf ausgetragen wurde, der unmenschliches Grauen in die Schönheit dieser Berge getragen hat. Die Felsen wurden für die Männer neben den gegnerischen Soldaten zum zweiten Feind. Dies zeigt sich auch daran, dass ein Drittel der Soldaten nicht im Kriegsgeschehen, sondern unter Kälte und Lawinen gefallen ist.

Ein Rückblick

Italien, das eigentlich im Dreierbund mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich stand, blieb beim Ausbruch des ersten Weltkrieges vorerst neutral. Nachdem es von der Entente territoriale Zusicherungen bekommen hatte erklärte es am 23. Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg. Somit entstand die Alpenfront, die von der Adria bis zur Schweizer Grenze verlief und wo fortan die österreichischen Königsjäger und italienischen Alpini im Hochgebirge aufeinandertrafen. Es folgte ein Stellungskrieg. Überreste zeugen heute in Form von Kriegsmüll, Mauern, Baracken und Schützengräben von den Ereignissen.

Heute gibt es in den Dolomiten verschiedene Wege, auf denen Spuren des 1. Weltkrieges nachverfolgt werden können, darunter auch mehrere in Südtirol. Warum man sich auf diese Gratwanderung einlassen sollte? Eine Wanderung auf den Spuren des Krieges lässt uns hinter den Mantel der friedlichen Gegenwart der Berge blicken und erahnen, was sich hier abgespielt hat.

Achtung: Die Steige dürfen nur mit entsprechender Erfahrung und angemessener Ausrüstung begangen werden! Am Berg muss stets Vorsicht walten, Drahtseilen und Sicherungen darf man nicht blind vertrauen und Wetterverhältnisse und die Begehbarkeit der Route müssen im Vornherein abgeklärt werden - am besten im lokalen Tourismusbüro. Die Routen können nur im Sommer begangen werden.

1. Die Sextner Rotwand

Mit Start in Bad Moos bei der Rotwandwiesen kann man in 5,45 Stunden eine Wand besteigen, die besonders hart umkämpft war. Der 100er Markierung folgend geht es von der Bergstation aufwärts. Unterwegs passiert man Schützengräben und die Überreste der Barackensiedlung „Wurzbachstellung“. Der Klettersteig, der 1973 eingeweiht wurde, folgt der Strecke, die die österreichischen Truppen nach Verlust der Sentinellascharte als Anstieg zu den Gipfelstellungen errichtet hatten. Im Zuge des Rotwand-Klettersteiges gelangt man entlang markierter, gesicherter Spuren zu einem steilen Abschnitt mit Drahtseilen und zur Gipfelwand – vom Gipfelkkreuz geht es wieder über den Aufstiegsweg zurück. Sehr ausdauernde Wanderer können die Route durch die zwei Teilstücke der „Via Ferrata Zandonella“ verlängern.

2. Die „Strada degli Alpini“

Die Alpinistraße verläuft über viele sogenannte Horizontalbänder in den Felsen. Es handelt sich dabei aber nicht um eine wirkliche Straße, sondern um einen Höhenweg, der von den Landesschützen schon vor Kriegsausbruch angelegt worden war und den natürlichen „Bändern“ im Felsen folgt. Erneut startet man in Sexten von der Rotwandwiesen. Hinauf zur Sentinellascharte, über den Alpinisteig, zur Zsigmondyhütte und über die Talschlusshütte zurück zur Liftstation braucht man gute 7,45 Stunden. Auch ein Zustieg über die Elferscharte ist möglich. Dort finden sich noch die Reste einer österreichischen Stellung, betonierte Feldposten und kurz darüber der Zustieg auf den Alpinisteig. Für diese Route sind alpine Erfahrung, Helm und Kletterset unerlässlich, ebenso wie Steigeisen und Stöcke bei Schnee oder Vereisungen.

3. Der Monte Piana

Er gilt als Eckpfeiler der Dolomitenfront und war auf dem Nordgipfel von Österreichern, am Südgipfel von Italienern besetzt. Nachdem Tiroler Trupps die Nordkuppe des Monte Piana besetzten, aber nicht halten konnten, standen sich Österreicher und Italiener auf dem Karstplateu gegenüber. Beide Seiten haben sich an dieser Stelle tief in den Berg gegraben. Heute findet sich hier ein Freilichtmuseum, das Steige und Stellungen begehbar, Stollen und Kavernen sichtbar macht. Im Sommer kann man sich mit dem Jeep auf der ehemaligen Versorgungsstraße des italienischen Kommandos zum Rifugio Bosi fahren lassen und in ungefähr drei Stunden die Stellungen auf dem Rundweg besuchen.
Eine Route für Ausdauernde führt in rund sieben Stunden mit Ausgangspunkt im Höhlensteintal über den „Pionierweg“, vorbei an den Überresten der Kriegsseilbahn. Man passiert das Toblacher Kreuz, die Forcela de i Castrade samt Kaiserjäger-Denkmal und Mahnglocke, den Monte Piana mit Resten von Unterkünften, Kavernen und Gräben, und gelangt über das Rifugio Bosi und den historischen Rundweg zum „Touristenweg“, dem Dürrensee und abschließend zum Parkplatz.

4. Die Plätzwiese und der Strudelkopf

Diese leichte Höhen- und Bergwanderung verläuft teils auf alten Kriegsstraßen und zieht den Blick auf das Christallo-Massiv. Bei der Plätzwiese in Prags sind noch die Ruinen des Sperrwerks zu sehen, das den Zugang zum Pustertal abriegeln sollte. Die Tour führt in 3,45 Stunden von der Plätzwiese auf die Dürrensteinhütte, zum Aufsteig auf den Strudelkopf, dann zur Strudelalm, zum Höhenweg und zurück zur Plätzwiese. Beim Absteig über die Strudelalm stößt man auf Schützengräben, eine alte Kriegsstraße, die Ruine einer Verteidigungskaserne und Beobachtungsposten im Rücken der Geierwand.

5. Von Toblach auf den Rautkopf

Wieder starten wir im Höhlensteintal, diesmal beim ehemaligen Abwehrwerk Landro. In fünfeinhalb Stunden führt der Weg zur Artilleriestellung und zum Gipfel, der Abstieg erfolgt über den Aufstiegsweg. Der Aufstieg zur Artilleriestellung dauert rund 2 Stunden und folgt einem Serpentinenweg, danach erfordert viel Geröll Trittsicherheit und Kondition. So wie die Festung bei Plätzwiese sollte das Landro Werk Angriffe aus dem Süden abwehren. Landro wurde zwischen 1884 und -94 erbaut und diente während des Krieges in erster Linie als Nachschubbasis für Stellungen am Monte Piano. Bei einer Besteigung des Rautkopfes gelangt man zu Beobachtungsposten, die den Blick auf die Drei Zinnen freigeben. Auch sind noch Fundamente der Bergstation zu sehen, die die Hangstellungen mit dem Werk verbunden haben.

Wahrscheinlich kann keiner dieser Steige heute wirklich vermitteln, was der Krieg damals in den Alpen für die Kämpfenden wirklich bedeutet hat. Aber die Rekonstruktionen und Freilichtmuseen können uns ein Mahnmal sein, das im Kontrast steht mit der natürlichen Schönheit der Dolomiten.

Foto: ©IDM Südtirol/Andreas Mierswa, Alex Filz, Thomas Grüner, Harald Wisthaler;
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Anna Maria studiert in Salzburg, lebt und schreibt aber größtenteils in Südtirol. Sie macht gern Musik, singt im Südtiroler Landesjugendchor, liebt die Facetten der Südtiroler Mundart und italienischen Kaffee.

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