„Jeder kann eine Krippe bauen“

Entdecken wir gemeinsam eine der schönsten Südtiroler Weihnachtstraditionen

Für die meisten Südtiroler ist sie zur Weihnachtszeit das Herzstück der festlich geschmückten Stube: die Krippe. „Sie bildet das ab, worum es an Weihnachten geht“, erzählt mir Michael Horrer, Vorsitzender der Krippenfreunde Südtirol. „So ändern sich zwar Stil, Größe und Ausprägung, aber der Stall als Mittelpunkt des Geschehens mit Maria, Josef und dem Jesukind sind fester Bestandteil einer jeden Krippe.“ Hinter dem Bau der Krippen steckt ein jahrhundertealtes Handwerk, das der Verein Krippenfreunde Südtirol mit seinen 1300 Mitgliedern auf besondere Weise am Leben erhält. „Wir motivieren die Südtiroler dazu, ihre eigene Krippe zu bauen und bringen ihnen die dafür nötigen Fertigkeiten bei“, sagt Horrer, der die Leidenschaft fürs Krippenbauen –und bestaunen von seinem Vater mitbekommen hatte. Die ungeschriebene Mission des Vereins lautet: „Eine Krippe in jedes Haus“.

 

Krippen in Südtirol: Wie alles begann

Der Krippenbau gehe in Südtirol auf die Zeit um 1700 zurück, war jedoch zunächst auf das kirchliche Milieu beschränkt. So finden sich einige Krippen aus jener Zeit im Kloster Neustift bei Brixen sowie im Kloster Muri-Gries in Bozen. „Erst ab dem 19. Jahrhundert hielten Krippen Einzug in die Südtiroler Haushalte. Hauptsächlich waren es Bauern, die die langen, dunklen Winterabende nutzten, um eine Krippe nach ihren Vorstellungen zu erschaffen, mit Materialien, die sie in ihrer Umgebung fanden“, so Horrer. „Diejenigen, die sich als handwerklich besonders geschickt erwiesen, übernahmen die Rolle der Krippenbauer in den Orten und begannen, Krippen für die Dorfbewohner zu fertigen – nicht um sich damit zu bereichern, sondern um die Weihnachtsgeschichte in die Stuben zu bringen.“

   

Entweder orientalisch oder heimatlich

Was die Bauweise der Krippen betrifft, orientieren sich manche Krippenbauer am orientalischen, manche am heimatlichen Stil. Was das bedeutet? „Beim orientalischen Stil geht es darum, sich am Originalschauplatz zu orientieren, beim heimatlichen Stil hingegen will man die Weihnachtsgeschichte an die eigene Lebensrealität anpassen, in Südtirol ist es die ländlich-bäuerliche Umgebung.“ Man findet in Südtirol sowohl das eine, wie auch das andere. Auch entscheidet jeder selbst, ob er nur die heilige Familie oder auch Engel, Ochs, Esel, Hirten und die 3 Könige in der Weihnachtsszenerie vorkommen lassen möchte. „Das macht jeder, wie er es gerne mag, da gibt es keine festen Regeln. Das geben wir auch den Teilnehmern mit, die unsere Kurse besuchen.“

   

Es sind Kurse, in denen es nicht nur darum geht, „einfach“ einen Stall aus Holz, Kork oder anderen Naturmaterialien zu bauen. Es geht auch um Botanik (Wurzelwerk, Äste, Moos usw.), die richtige Beleuchtung und die Hintergrundmalerei. Abgehalten werden sie unter anderem von Renato Valle, einem äußerst umtriebigen Mitglied der Krippenfreunde. Er hat im Krippenbau seine späte Berufung gefunden und betreibt mittlerweile sogar sein eigenes Museum, das man nach Vereinbarung jederzeit besuchen kann. Mit ihm unterhalte ich mich über die Faszination Krippenbau.
 

▶ Ist bei Ihnen eigentlich das ganze Jahr über Weihnachten?

Das kann man so sagen. Ich arbeite in meiner hauseigenen Werkstatt ständig an neuen Krippen. Manchmal 8 Stunden pro Tag, manchmal mehr, manchmal weniger.
 

▶ Wie haben Sie die Liebe zum Krippenbau entdeckt?

Ich war immer schon ein begeisterter Bastler und Tüftler. 1986 hat mich meine Neugier dann dazu gebracht, zu einem bekannten Krippenbauer in meiner Umgebung hinzugehen, um ihn darum zu bitten, ob er mir nicht das Krippenbauen beibringen könnte. Innerhalb einer Woche war die Krippe fertig.
 

▶ Und damit war die Leidenschaft für Krippen in Ihnen geweckt?

Nein, das kam dann erst ab 1999 und „Schuld“ war meine Frau. Sie wünschte sich eine Kastenkrippe fürs Wohnzimmer. Kein einfaches Unterfangen, ich musste mich einlesen, mir verschiedene ähnliche Krippen ansehen und so stieg ich immer tiefer ins Thema Krippenbau ein. Die Welt, die ich dabei kennenlernte, faszinierte mich so sehr, dass sie mich bis heute nicht wieder losgelassen hat. Seit 2010 bin ich anerkannter Krippenbaumeister: Dafür absolvierte ich eine 4-jährige Ausbildung zum Krippenbaumeister in Lienz.
 

▶ Können Sie vom Krippenbau leben?

Lange war das Krippenbauen ein Hobby, das ich mit großer Begeisterung verfolgt habe. Erst seit ein paar Jahren, seit ich aus gesundheitlichen Gründen meinen Hauptberuf nicht mehr ausüben kann, ist mehr aus meinem Hobby geworden. Ich bringe anderen bei, wie man Krippen baut und fertige auf Wunsch auch Krippen an. Aber wie erwähnt: Es war von Anfang an nie mein Plan, es hat sich mit der Zeit einfach so ergeben.
 

▶ Wieviele Krippen haben Sie in den letzten 10 Jahren als Krippenbaumeister gefertigt?

Insgesamt sind es an die 150, je nachdem, wie aufwändig eine Krippe ist, dauert die Arbeit daran zwischen einer Woche und 3 Monaten.
 

▶ Wieviele dieser Krippen sind aktuell in Ihrem Museum zu sehen?

Das Museum präsentiert sich wie ein großes Wohnzimmer und befindet sich in meinem Privathaus. „Krippeleschauer“ können rund 80 Krippen besichtigen, die meisten davon stammen von mir, einige von befreundeten Krippenbauern, interessante Stücke wurden auch angekauft.
 

▶ Warum befindet sich die Ausstellung bei Ihnen zuhause?

Ich orientiere mich da an einer uralten Tiroler Tradition, und zwar an jener des Krippenschauens. Dabei ist man früher von Haus zu Haus gegangen, um die Krippen in den Stuben zu betrachten, also dort, wo sie aufgestellt werden. Es ist für mich die ehrlichste und echteste Form der Darstellung einer Krippe. Die Besucher meiner Ausstellung können genau das erleben, sie kommen zum Krippenschauen zu mir nach Hause.
 

▶ Welchen großen Traum haben Sie als Krippenbauer noch?

Ich bin zufrieden, so wie es ist: Schließlich kann ich dazu beitragen, dass die Tradition des Krippenbauens in Südtirol weiterlebt. Ich kann Menschen das Krippenbauen näherbringen.
 

▶ Kann jeder eine Krippe bauen?

Es gibt handwerklich mehr und weniger Geschickte. Aber das spielt keine Rolle, jeder kann sich seine eigene Krippe bauen. Ich arbeite auch viel mit Kindern. Nicht selten sind sie es, die ihre Eltern anstecken, im nächsten Kurs macht dann der Vater oder die Mutter des Kindes mit. Etwas Schöneres kann man sich eigentlich nicht vorstellen.
 

 

Krippenbaumuseum Renato Valle St. Lorenzen:

  • Anmeldungen per Mail: info@renato-valle.it
  • Tel: +393387276399
Hat sich von Südtirol adoptieren lassen, verliebt sich jeden Tag aufs Neue in den Sonnenuntergang und die rosa getünchte Gipfelkulisse der Dolomiten. Naturfreak, unternehmungshungrig, abenteuerlustig und ständig auf Entdeckungstour. Immer mit dabei: ihre Polaroid-Kamera und unzählige Konzerttickets.

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