Stein auf Stein

Stein auf Stein

Da wo früher Hexen tanzten, wachen heute 100 Männchen aus Stein über das Sarntal

Zu hundert stehen sie da, die „Stoanernen Mandln“ und bewachen unter dem Wetterkreuz wie eine kleine Armee der Natur die „Große Reisch“ im vorderen Sarntal. Manch eines ist nur einige Zentimeter hoch, andere ragen menschengroß auf den Spitzen von so manchen Bergen empor. Ein Stein auf den anderen gelegt, eine Kuhle perfekt in die nächste geschmiegt. So trotzen sie in perfekter Balance jeder Witterung. Genau deshalb werden die kleinen Türme aus Stein von Hirten auch zur Orientierung auf den Bergen aufgestellt. Denn nicht einmal von dicken Schneemassen lassen sie sich unterkriegen und bleiben bis weit über die nächsten Hügel hinweg stets sichtbar. So markieren sie auch heute das Ziel meiner Wanderung.

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Ein gieriger Schluck vom warmen Hollerblüten-Tee löscht meinen Durst, während mein feuchter Atem in der kalten Luft verdunstet. Etwas mehr als eine Stunde bin ich bis hier oben durch den Schnee gestapft. Eine „ciaspolata“, wie man hierzulande die Schneeschuhwanderung gerne mit dem italienischen Lehnwort bezeichnet. Ciaspola nennt sich im Italienischen nämlich der Schneeschuh.
Am Ziel auf 2.002 Metern Meereshöhe ist es seelenruhig. Einzig ein paar gierige Dohlen wollen ein Stück von meinem Speckbrot abhaben und krähen laut. Sie erinnern mich an die schwarzen Mächte, die hier im Mittelalter noch ihren Platz gehabt haben sollen. Aus dem Jahre 1540 gibt es nämlich Gerichtsprotokolle, die mystische Feiern von Hexen auf dem Gipfelplateau des Schöneck belegen. Steht man hier heroben zwischen den „Stoanernen Mandln“ und lässt den Blick 360 Grad über die Bergspitzen von Lang,- und Plattkofel, Schlern und Rosengarten bis zum Mendelgebirge und sogar bis zum Ortler und zur Brenta-Gruppe schweifen, dann versteht man die Wahl des Ortes, die für die Zeremonien damals getroffen wurde.

Alle Wege führen nach…

Kurz vorher wurde diese Stille noch gebrochen, als der frische Schnee bei jedem Schritt unter meinen Schneeschuhen nachgegeben hat. Dicke Spuren habe ich in der weißen Decke hinterlassen als ich dem Weg Nr. 2 und seiner rot-weißen Markierung folgend in leichter Steigung von der Sarner Skihütte heraufgestapft bin.

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Links und rechts von mir dunkelgrüne Tannen, deren Spitzen leicht mit Schnee bepudert unendlich in den Himmel zu wachsen scheinen. Während der Rest der Landschaft unter der Schneehaube verborgen liegt, erinnern sie mit ihrer tiefen Farbe an den Sommer. Dann, wenn der Hügel nämlich immer im saftigen Grün der Alpenrosen erstrahlt, die mit ihren pinken Blüten Akzente in die Landschaft malen.

Ob Sommer, Winter, Frühling oder Herbst, die Tour zu den „Stoanernen Mandln“ kann zu jeder Jahreszeit neu erlebt werden. Von allen Himmelsrichtungen ist dieser mystische Platz an der Eingangspforte des Sarntals erreichbar. Ob vom Dorfzentrum in Sarnthein kommend zu Fuss einmal quer durch den Wald die Serpentinen der Straße abschneidend oder direkt auf der Asphaltstraße mit dem Auto bis zur Sarner Skihütte und von dort aus weiter. Alternativ kommt man auch von den Höhen von Meran 2000 oder von der Möltner Seite auf die „Große Reisch“.

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Mein Heimweg führt heute wieder auf dem selben Weg zurück. Von den Männchen verabschiedet, einmal den Hügel hinunter gestapft, komme ich bald an der Auener Alm vorbei, wo ich einige Monate zuvor noch rosaroten Alpenrosensaft in der heißen Sonne geschlürft habe. Und weil meine Kraft nach knappen 3 Stunden von der Kälte noch nicht so gezehrt ist, wie damals von der Hitze, lasse ich den Tag im Zentrum von Sarnthein ausklingen. Dort stellen die Sarner nämlich in den Wintermonaten auf dem kleinen Weihnachtsmarkt namens Alpenadvent, der sich durch die Gassen des Dorfes zieht, keinen Kitsch, sondern traditionelles Handwerk aus. Wer in den ciaspole also gefroren haben sollte, kann sich jetzt mit flauschigen „Sarner Topparn“ ausstatten und seine Zehen für die nächste Tour wieder aufwärmen.

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Lisa ist die Quasselstrippe, die nur ein leeres Blatt Papier zum Schweigen bringt. Alles andere als bewegungsfaul liebt sie den Mix aus belebten Metropolen und einsamer Wildnis. Wird es ihr doch einmal zu bunt, sucht sie nirgendwo lieber die Ruhe als in den heimischen Bergen. Ohne ihr Notizheft steigt sie aber auf keinen Gipfel, denn die besten Ideen sprießen auf über 2.000 m.

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