Von lauter Wald und Bäumen

Von lauter Wald und Bäumen

...und dem Glück der kleinen Dinge: Die Wanderung von der Burg Taufers zu den Reinbachfällen.

Wenn Urlauber und Einheimische über Südtirol sprechen und die Vorteile dieses Ländchens aufzählen, geht es meistens nur ums Eine: Um die Berge, den unbestrittenen Südtiroler Superlativ.

Wir haben aber auch Wiesen und Wälder, will man aber als einer von denen rufen, dem diese traute Zweifaltigkeit bislang bester Ersatz für aufregende Dreitausender war. Moderate Wanderungen haben ihren eigenen Charme, der auf unspektakuläre Art und Weise zufriedenstellt. Wer also mal nicht den großen emotionalen Exzess, sondern das Glück in vielen kleinen Dingen sucht, der findet das bei der Wanderung von der über den Naturerlebnispfad zu den Reinbachwasserfällen in Sand in Taufers. Die ist insbesondere an jenen seltenen Tagen zu empfehlen, an denen das Thermometer im Tauferer Ahrntal hochklettert bis zur Marke, wo man sich nicht plagen will – ein zugegeben seltener Fall, der die Wanderung an allen anderen Tagen nicht weniger passend macht.

Diese beginnt bei der Burg Taufers, führt über ruhige Waldwege leicht in die Höhe und belohnt die mäßige Anstrengung am Ende mit den drei Wasserfällen, wo Wassermassen durch Schluchten in die Tiefe krachen – das große Erlebnis, es lässt sich anscheinend doch kaum vermeiden. Das soll hier aber nicht bemängelt werden (auch wenn das Jammern auf hohem Niveau eine recht bekannte Eigenheit der Südtiroler Seele ist).
Der Startpunkt ist alles andere als ein Geheimtipp, sondern die bekannte Burg Taufers im Tauferer Ahrntal. Über dem Dorf Sand in Taufers thronend, erblickt sie der ankommende Wanderer von weitem, was überaus praktisch ist: Wie oft hat man zwar das Ziel genau vor Augen, weiß aber nicht, wo man überhaupt beginnen soll? Dieses Dilemma bleibt einem hier erspart. Die Burg bietet auch einige Gratis-Parkplätze, die die direkte Anfahrt mit dem Auto problemlos ermöglichen. Dagegen soll man sich das genaue Ziel noch offen lassen, denn auch wenn am Ende die besagten Wasserfälle locken, gibt es auf etwa halbem Weg noch die Möglichkeit zu einer anderen Oase. Doch dazu später.
Erstmal gilt es loszugehen. Der Weg ist bestens ausgeschildert, und so hält man sich an die Richtung, in welche die Holztäfelchen mit der Beschriftung „Reinbach-Wasserfälle“ weisen.
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Der gut ausgeschilderte Weg führt zu den Reinbachfällen
Vorbei am Burgcafè, wo man auf der Terasse mit Blick über den Tauferer Boden noch einen Kaffee genießen kann, weiter auf einem kurzen Weg mit Ausblick bis zum Kronplatz. Nach wenigen Metern scheint der Weg schon zu Ende und bei einem Hof zu enden, aber weil die Dinge nicht immer so sind, wie sie scheinen, lässt man sich davon nicht beirren und den Hof hinter sich, und schon findet man sich auf dem Weg wieder, der zuerst kurz abfällt und dann in den Wald führt. (Sollte es einer von diesen heißen Tagen sein, an denen der Text geschrieben wird, wird man hier nun endlich Schutz vor der Hitze finden).
Über Stock und Stein geht es weiter, und der Wanderer versteht recht bald, warum sich ein Teil dieses Weges „Naturerlebnispfad“ nennt. An verschiedenen Stellen sind Rätsel auf Holzschildern angebracht, mit Bildern und Beschriftung, wo man verschiedene aufgezeichnete Tierspuren den jeweiligen Waldbewohnern zuweisen oder nachlesen kann, was denn dieses Pech eigentlich ist, das da dickflüssig aus den Bäumen quillt. Der Wald versteht sich hier als Erlebnis, nicht nur als Ort der körperlichen Ertüchtigung, und so genießt man ihn am besten: Nicht hetzend und laufend, sondern ganz entspannt.
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Ausblick über das Tauferer Tal vom Naturerlebnispfad
Dazu findet man ein paar Meter abseits des bald aufwärts gehenden Pfades einen speziellen Ort der Ruhe – ein großes Holztipi, in dem man sich hinlegen und durch die mittige Öffnung in den Himmel blicken kann. Draußen knacksen Bäume und Geäst, drinnen ist man ganz für sich. Während der Blick da nach oben in das Blaue geht, geht er wenige Schritte darauf auf der hölzernen Aussichtsplattform schon weit über das Tauferer-Tal hinaus. Der Panoramapunkt, in Baumkronen gebettet, markiert das Ende des Aufstiegs. Nun gilt es einzuatmen und zu entscheiden: Wie weit will man gehen?  Denn von nun an gilt das Leistungsprinzip: Wer sich noch ein wenig anstrengen will, der wird mit imposanteren Wassermassen belohnt -wer dagegen gemütlich schon den Abstieg angehen will, auf den wartet am Ende frisches Nass in Form einer ebenso gemütlichen Kneippanlage.
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Die Kneipp-Beschilderung: „Gehen, fühlen, probieren, alle Sinne aktivieren“
Wer zweitere Option wählt, geht in die mit „Winkel – Sand in Taufers“ beschilderte Richtung. Es geht nach unten, gemütliche zehn Minuten, dann wird die asphaltierte Straße nach Rein in Taufers überquert, und schon nach zwei weiteren Waldkurven hört man das Plätschern und sieht das Wasser, das aus Brunnen und Quellen fließt. In Holzbecken kann man die Arme in frisches Bergwasser tauchen, auf dem Kneippweg die Beine erfrischen. „Wasser belebt“, steht da als Motto, und weil das völlig richtig ist, beendet man die Wanderung so frisch, als wäre man gerade kopfüber in ein kaltes Meer getaucht.
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„Wasser belebt“ – die Kneipp-Anlage in Winkel bei Sand in Taufers
Wer dagegen weiter oben an besagter Weggabelung aber noch höher hinaus will und dem Schild mit den „Reinbach-Wasserfällen“ folgt, der geht noch weiter nach oben durch bis zum Gasthaus Tobelhof. Hier muss man über die Straße und über den Parkplatz und rechts am Gasthaus vorbei, und wieder hinein in die dichte Baumlandschaft. Da steht man nun wieder im Wald in völliger Ruhe, und den oberen Wasserfall (auf dem auf dem Weg nach unten noch zwei weitere kleinere folgen) muss man nicht mehr lange suchen. Nach wenigen Minuten Fußmarsch meldet er sich an durch ein leises Rauschen, das  immer lauter wird und durch dichte Gicht, die bald die Luft in Wassertropfen taucht und in der Sonne glänzt.
Eine Brücke führt in den dichten frischen Nebel, und steht man dann auf dieser, zeigt sich zur Linken die ganze Pracht von fünfzig Meter krachend hinabfallenden Wassermassen. Steht man nun nass und glücklich in der Sonne, ist man endlich angekommen.
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Der obere der Reinbachfälle
Weil das Schönste zum Schluss kommt, müsste der Text nun hier enden, und der Weg eigentlich auch. Aber diese Wanderung endet nicht abrupt. Auf dem Weg nach unten, der zurück in die Zivilisation zum Winkel in Sand in Taufers führt, liegen noch zwei weitere Wasserfälle. Da meint es jemand gut mit Ihnen.

Zum – endgültigen – Schluss bietet die Natur noch ein letztes Rätsel: Beim unteren Wasserfall sei ein Jesusgesicht im Stein zu sehen, sagen einem alle, die hier schon viel öfter waren. Im Winter wird es an bestimmten Abenden auch speziell beleuchtet. Hat man es erstmal ausgemacht, übersieht man es nie wieder.

Vera ist sich noch nicht sicher, ob sie Stadt oder Land den Vorzug gibt, lieber den Sommer oder den Winter hat und die Seen für schöner als die Berge hält. Weil man sich hierzulande glücklicherweise nicht entscheiden muss, ist das zwar ein Luxusproblem, aber sonst nicht weiter schlimm.

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